S/4HANA braucht Zeit und Argumente

2025 ist Schluss mit der SAP Business Suite, der ERP-Lösung von SAP. Zumindest wenn es nach SAP geht, soll diese vollständig von SAP S/4HANA abgelöst werden. Doch bislang ist der Innovationsmut verhalten. Das musste auch jüngst Bernd Leukert, SAP-Vorstand, zugeben. Er setzt auf die SAP-Partner, die aus ihrer altbewährten Komfortzone herausgehen müssen. Doch wie sieht es konkret in der Praxis aus?

Wer den digitalen Wandel in der Fabrik vollziehen möchte, benötigt künftig eine IT-Landschaft, in der Anwendungen miteinander vernetzt und automatisiert laufen und Daten in Echtzeit bereitstellt werden können. Der digitale Kern SAP S/4HANA ermöglicht im Zusammenspiel mit der In-Memory Datenbank SAP HANA eine durchgängige und nachhaltige Unternehmenstransformation. SAP S/4HANA gibt es On-Premise oder in der Cloud. Laut dem SAP-Beratungsunternehmen Phoron Consulting schneidet SAP mit S/4HANA einige Zöpfe ab und bringt bestehende Prozesse sowohl über die Datenbank im Hintergrund als auch vom User Interface her auf eine neue zukunftstaugliche Version bzw. vereinfacht und optimiert den Ablauf wichtiger Kernprozesse im Rechnungswesen und in der Logistik über sogenannte „Simplifications“. SAP-Anwender profitieren von den neuen SAP Fiori Oberflächen, die wesentlich intuitiver zu bedienen sind als der SAP GUI, der grafischen Benutzeroberfläche eines aktuellen ERP-SAP-Systems. Kunden selbst bekommen mit der HANA-Datenbank eine Plattform geliefert, die zusätzlichen Nutzen hinsichtlich performance-intensiver Berechnungen und Analysen bietet, z.B. als Basis für SAP Predictive Analytics, SAP Data Mining und SAP HANA data warehousing.

Umstellung auf S/4HANA eher zögerlich

Die Reaktionen auf die neue Lösung von SAP sind laut der Innovationsstudie 2016 der Deutschen SAP-Anwendergesellschaft (DSAG) aber eher verhalten. Der D-A-C-H Mittelstand agiert zögerlich und investiert hauptsächlich in Rollout- und Konsolidierungsvorhaben. Lediglich fünf Prozent* der Unternehmen sehen S/4HANA als Schwerpunkt ihrer Hauptinvestition.

„Das Nützen der Stärken der neuen Business Suite erfordert von Kunden, vorhandene Systeme zu migrieren und gegebenenfalls Prozesse anzupassen“, so Wolfgang Mayer, Managing Consultant bei der Phoron Consulting. „Die teilweise Änderung des Datenmodells bedingt gegebenenfalls auch Anpassungen von kundenspezifischen Programmen und Oberflächen. Die HANA-Datenbank stellt andere, meist höhere Anforderungen an die Systemlandschaft als eine ‚normale‘ Datenbank. Insofern gibt es einige Punkte, die im Zuge einer ROI-Rechnung einen deutlichen Mehrwert bringen müssen, bevor ein solches Projekt angegangen wird.“

Kunden genau über ihre Vorteile und Risiken aufklären

Für einige Kunden ist laut Mayer die Arbeit in der Cloud (bzw. das Erweitern der On-Premise-Lösung durch Cloud-Funktionalitäten), wie die Übertragung von beziehungsweise der Zugriff auf Daten mit einem unguten Bauchgefühl verbunden: „Das Wichtigste ist, die seitens SAP umfangreich vorhandenen Informationen und Schlagwörter für Kunden verständlich aufzubereiten. Wir erklären z.B. unseren Kunden die Unterschiede zwischen ‚Suite on anyDB‘, ‚Suite on HANA‘, ‚SUITE on HANA inklusive S/4HANA Finance‘ und ‚S/4HANA‘. Wir zeigen auf, wo die Vorteile und Risiken liegen. Nachdem wir vor allem unsere Bestandskunden und deren Geschäft sehr gut kennen, wissen wir auch, welche Vorteile zu erwarten sind und welche Punkte man sich genau ansehen muss. Bei Neukunden ist SAP noch nicht im Einsatz, hier sieht die Sache natürlich noch ganz anders aus. Hier wird seitens Phoron beraten, mit welcher Version, also ‚Suite on HANA mit S/4HANA Finance‘ oder ‚S/4HANA‘ gestartet werden soll. Natürlich unter Berücksichtigung der Branche und der Anforderungen, bzw. Prozesse des Kunden. HANA als Datenbank und ‚S/4HANA Finance‘ sind aber in jedem Fall fix gesetzt. Mit dem kommenden Release von S/4HANA, 1709, werden weitere Teilbereiche der Logistik optimiert; S/4HANA ist mittlerweile die erste Wahl, sofern es nicht seitens SAP explizite Einschränkungen gibt, z.B. für eine bestimmte Branchenlösung.“

Um S/4HANA bei den Kunden schmackhafter zu machen, könnte es ebenfalls ein Vorteil sein, wenn sich SAP anderen Datenbanken öffnet. Das ist bisher ein Streitthema. Für SAP liegt der Vorteil in nur einer Datenbank darin, dass man sich genau auf die Optimierung dieser Plattform konzentrieren kann und damit die Anzahl an Neuerungen, bzw. überarbeiteten Prozessen steigt. „Eine breite Unterstützung für mehrere Datenbanken erhöht zwangsläufig den Entwicklungsaufwand für die entsprechende Datenbank-Schnittstelle. Hier brauchen aber vor allem die Bestandskunden mehr Zeit“, so Mayer, “Ein Versionswechsel eines ERP-Systems ist ein großes Projekt, welches viele Ressourcen (Fachbereich und IT) bindet und hohe Kosten, sowohl intern als auch extern verursacht. Das reine Argument ‚Damit können wir in Zukunft mehr machen‘ reicht hier nicht aus. Der Fachbereich lässt sich nur durch konkrete Lösungen für konkrete Problemstellungen überzeugen. Je höher der Leidensdruck, desto höher die Bereitschaft, sich mit neuen Produkten auseinanderzusetzen.“

Schrittweise Integration statt Hauruck-Aktion

Grundsätzlich sollte ein SAP-Beratungshaus seinen Kunden vermitteln, was mit der SAP- Cloud-Plattform für das Unternehmen möglich ist und was nicht. Die Cloud-Plattform bietet unterschiedliche Funktionen, wie z.B. das Entwickeln von eigenständigen Applikationen aber auch das Auslagern von Services (Mobile Services, Adobe Document Services) sowie über die „Cloud Platform Integration Services“ auch Middleware-Funktionalitäten. Die Phoron Account Manager und Projektleiter informieren sich regelmäßig über die dadurch erzielbaren Mehrwerte und bringen diese anlassbezogen bei den jeweiligen Kunden ein bzw. führen konkrete Beispiele an, was mit der SAP- Cloud-Plattform möglich ist. Abhängig vom Feedback aus dieser Aktivität werden entsprechende Add-ons in das Produktportfolio von Phoron aufgenommen. Grundsätzlich empfiehlt Mayer eine schrittweise Migration, um die Projektrisiken gering zu halten und die jeweiligen Innovationen stufenweise zu nutzen. „Die von Phoron beworbene schrittweise Migration erlaubt es den Kunden, Innovationen in „verdaubare" Pakete zu schnüren und somit sowohl den Fachbereich als auch die IT ins Boot zu holen.“

SAP und Partner in der Pflicht

Wenn es um die neue Business Suite von SAP geht, sind die meisten SAP-Anwender noch dabei Informationen einzuholen. Um das Thema bei den Bestandskunden voranzutreiben, sind auf der einen Seite die SAP-Partner gefragt, die Einsatzszenarios für unterschiedliche Branchen und deren Herausforderungen entwickeln sollten. Auf der anderen Seite ist die SAP gefragt, mit welchen Argumenten sie die Anwender noch erreichen kann. Bislang bewirbt SAP S/4HANA mit einer enormen Geschwindigkeitssteigerung und der „Digitalisierung des Business“ – diese Argumente reichen für viele Bestandskunden nicht aus, um auf S/4HANA umzusteigen, insbesondere wenn diese keine Performance-Probleme aufweisen. Konkrete Lösungen zu vorhandenen Problemstellungen sind gefragt, um den Fachbereich zu überzeugen. Und wenn der SAP-Partner selbst auf  S/4HANA umsteigen muss, um den Kunden bei konkreten Fragen die Problemlösung „live“ zeigen zu können, wie es die Phoron Consulting bereits macht.

Wolfgang Mayer ist Mitbegründer und Managing Consultant bei der Phoron Consulting in Wien und seit insgesamt 16 Jahren im SAP-Umfeld tätig.

Als „Visionärer Realist“, unterstützt er Kunden, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen. Als Generalist mit einem breit aufgestellten Wissen, sorgt er außerdem für die Vermittlung zwischen den einzelnen Disziplinen (Vertrieb, Produkt und Applikationsberatung, Entwicklung und SAP-Basisberatung).

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